Mit Stichtag 17. November 2011 soll eine Vereinbarung zwischen der Europäischen Kommission und der internationalen Tabakindustrie umgesetzt werden: Lower Ignition Propensity Products (LIPPs), brandsichere Zigaretten, werden ab dann die Norm sein müssen. Die Industrie arbeitet bereits an der Umstellung ihrer Produktionsabläufe.

Schon im März 2008 hatte die Europäische Kommission beschlossen, im Rahmen von Brandsicherheitsanforderungen eine europäische Norm für Zigaretten zu erlassen. Zigaretten als solche sind gefährlich, weil sie brennbares Material enthalten, das – nach dem Anzünden – über die gesamte Zigarettenlänge abbrennt. Durch technische Lösungen soll das verhindert werden. So sollen in das Papier handelsüblicher Zigaretten im Abstand von 20 bis 30 mm etwa 6 mm breite Papierringe eingelassen werden. Solche Brandverzögerer bewirken durch ihre Bestandteile, dass brennende Zigaretten – zumindest teilweise – von selbst verlöschen, wenn daran nicht gezogen wird, „weil der Sauerstoff gehindert wird, in den Entflammungsbreich der Zigarette vorzudringen“, heißt es im Amtsblatt der Europäischenpol Union.

Helmuth Perz aus der Abteilung  Produktsicherheit des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz sieht die Sache ganz klar: „Die Norm ist in der Zwischenzeit bereits verabschiedet. Sie wird im Mai 2011 im Amtsblatt der EU veröffentlicht. Das bedeutet, dass diesem Produkt eine Konformitätsvermutung zugesprochen wird. Anders ausgedrückt: Abweichungen vom Sicherheitsmaßstab dieser Norm sind dann eigentlich nicht mehr zulässig.“ Perz schließt daraus, dass nach „dem Stichtag 17. 11. 2011 keine nicht den Sicherheitsbestimmungen der LIP-Zigarette entsprechenden Produkte mehr an den Konsumenten verkauft werden dürfen“. Die „Übergangsfrist“, die sich Trafikanten erhoffen, läuft bereits und dauert – so Perz – bis zum 17. November. Die Industrie weiß das und sollte eigentlich bis spätestens Anfang Oktober die LIP-gerechten Zigaretten ausgeliefert haben. Perz rät den Trafikanten, sich spätestens ab diesem Zeitpunkt (Anfang Oktober) beim Einkauf vom Großhandel bestätigen zu lassen, dass die eingekaufte Ware der LIP-Norm entspricht. Eine besondere Kennzeichnung der LIP-gerechten Zigaretten ist vom Gesetzgeber nicht vorgesehen. In Finnland, dem diesbezüglichen Vorreiterland in Europa, habe sich die Industrie aber freiwillig zu einer solchen Kennzeichnung entschlossen, weiß Perz.

Da man im Durchschnitt davon ausgeht, dass sich Zigaretten in einem „Zeitraum von fünf bis sechs Wochen drehen“, argumentiert Perz, „sollte sich das dann bis zum Stichtag ausgehen“. Er räumt ein, dass es immer wieder „Restware“ geben kann. Ob Industrie und Großhandel diese Ware zurücknehmen, sei nicht Sache des Ministeriums, erklärt Perz, die angekündigten Kontrollen im Rahmen der Marktbeobachtung „werden aber nicht so streng sein“. Und sie werden sich eher auf den Import beschränken. Da aber außer in Hainburg in Österreich nicht mehr produziert wird, ist nahezu die gesamte Ware für den heimischen Tabakmarkt Importware. Und damit liegt die Verantwortung bei der Industrie. Man wisse, fährt Perz fort, dass „man solch einen Wechsel nicht punktgenau steuern kann. Wir werden jedenfalls nicht zu jeder Trafik einen Polizisten stellen.“
Von der Sinnhaftigkeit der Maßnahme ist Perz aber überzeugt: „Es gibt in Europa jährlich rund 1.000 Tote durch Einschlafen mit einer brennenden Zigarette. Wenn wir nur ein Drittel davon verhindern, haben wir 300 Menschenleben gerettet.“


Filterlos wollte wissen, ob denn die Industrie den Stichtag 17. November genauso sieht wie der Beamte des Ministeriums. Philip Morris konnte (oder wollte) diese Frage zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beantworten. Lediglich ein Hinweis darauf, dass „wir den von der EUKommission angekündigten Standard für feuersichere Zigaretten bei Inkraftsetzung fristgerecht einhalten werden“, war PMI zu entlocken. Wie man hört, produziert Philip Morris bereits mit dem neuen Zigarettenpapier. Das lässt darauf schließen, dass PMI sehr daran interessiert ist, zum Stichtag nur mehr LIP-gerechte Zigaretten auszuliefern. Wenn an bedenkt, dass Philip Morris fast nur schnelldrehende Marken im Portfolio hat, dann ist der schnelle Zug zur Erfüllung der Norm auch erklärbar. Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen solche Sicherheitsstandards bereits umgesetzt wurden, hätten im Übrigen gezeigt, dass sich am Geschmack der Zigaretten nichts verändert, betont man bei Philip Morris. JTI/Austria Tabak interpretiert den Stichtag folgendermaßen: „Wir werden ab diesem Zeitpunkt nur mehr Zigaretten in Verkehr bringen, die den LIP-Anforderungen entsprechen. Wir können jedoch nicht garantieren, dass jeder Einzelhändler jede Nicht-LIP-Packung Zigaretten zu diesem Zeitpunkt verkauft haben wird.“ Deshalb sei die Industrie gegenwärtig auch in Gesprächen mit den zuständigen österreichischen Behörden, um für die-se „Altbestände“ Übergangsfristen für den Abverkauf auszuhandeln.

Die Produktionskosten werden natürlich höher sein als bei jetzigen Fabrikszigaretten, bestägte man bei Philip Morris und JTI/Austria Tabak. Noch könne man diese Kostensteigerungen nicht beziffern. Und schon gar nicht wollten die beiden großen Tabakkonzerne dazu Stellung nehmen, ob sich diese erhöhten Produktionskosten zusätzlich auf den Verkaufspreis auswirken würden.

„Die Komplexität der Umstellung ist enorm“, argumentiert Imperial Tobacco-Sprecher Manuel Güll. „In der Europäischen Union sind über 5.000 Produktvarianten aller Hersteller auf dem Markt. Diese müssen allesamt angepasst werden. Imperial Tobacco arbeitet seit Monaten an der Umsetzung des Standards.“ Imperial Tobacco wird ab dem 17. November ausnahmslos weniger entzündliche Zigaretten in den Handel bringen, betont Güll, schränkt aber gleichzeitig ein, dass „wir nicht garantieren können, dass jeder Trafikant jede Nicht-LIP-Packung Zigaretten zu diesem Zeitpunkt verkauft haben wird“. Darüber hinaus sei eines jedoch wichtig zu wissen, ergänzt Güll: „Für die Konsumenten ist die Umstellung geschmacklich nicht wahrnehmbar.“ Reemtsma stützt sich dabei auf eine Konsumentenumfrage, bei der sowohl LIP- als auch Nicht-LIP-Produkte in einem Blindtest probiert wurden: 80 Prozent der Konsumenten haben keinen Unterschied feststellen können. Güll: „Das sind gute Nachrichten auch für österreichische Trafikanten. Ich erwarte demnach keine Veränderungen in den Verkaufszahlen durch die neuen Produktstandards.

“Für BAT-Sprecherin Karin Holdhaus ist klar, dass „ab 17. 11. 2011 Zigaretten in der ganzen EU LIP-konform sein müssen“. Ob es sich dabei allerdings um „in den Verkehr bringen“ oder „zum Verkauf bestimmt“ handelt, das ist für Holdhaus ein Interpretationsprozess, der „weder auf EU- noch auf nationaler Ebene abgeschlossen scheint“. Die Europäische Kommission bzw. das zuständige Gremium würden, so Holdhaus, den 17. November derzeit eher als jenen Tag interpretieren, ab dem nur noch LIP-Produkte in der Trafik verkauft werden dürfen. Für den Verkauf von Altbeständen, so Holdhaus, ist dann jedenfalls der Trafikant zuständig: „Er kennt seine Kundenfrequenz und weiß am besten, wie viel er in welcher Zeit verkaufen kann.“ Die Verantwortung der Industrie liege darin, dafür zu sorgen, dass „der Trafikant rechtzeitig LIP-Zigaretten bestellen bzw. kaufen kann, damit er auch die Norm erfüllt“.

Eine „brandsichere“ Zigarette gäbe es allerdings auch nach dieser Norm nicht, stellt Holdhaus klar: „Auch die neuen LIP- oder RIP-Zigaretten (RIP = Reduced Ignition Propensity, ein Ausdruck, der aus Gründen makabrer Assoziationen von der Industrie ungern verwendet wird, Anm. d. Red.), wie schon der Name sagt, ‚Lower bzw. Reduced Ignition Propensity‘, sollen die Brandgefahr durch ‚eine verminderte Zündneigung‘ lediglich verringern. Erzielt wird dies u. a. durch ein neuartiges Zigarettenpapier mit integrierten ‚Ringen‘, die den Luftzug reduzieren.“